Urlaub war in der DDR kein bloßes Privatvergnügen, sondern ein staatlich organisierter und zugleich begehrter Freiraum – gerade weil echte Reisefreiheit fehlte. Nach dem 9. November 1989 stand „die Welt offen“, doch gleichzeitig begann eine rasante Umstellung: Ferienplätze, Preise und Besitzverhältnisse änderten sich, und auf Urlaubsinseln trafen Freiheitsgewinn und Transformationsdruck unmittelbar aufeinander. Das macht Hiddensee zu einem Brennglas für die frühen 1990er Jahre.
Beim Erzählcafé am 22. September 2025 im Figurentheater Homunkulus in Vitte sollte ursprünglich ein Zeitzeugengespräch stattfinden – doch ein eingeladener Zeitzeuge war kurzfristig verhinder. Statt abzusagen, wurde improvisiert: Rund 30 Gäste kamen bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse in moderierten Tischgruppen ins Gespräch. Das Team strukturierte den Austausch mit drei Leitfragen: Was habe ich am 9. November 1989 gemacht? Welche Hoffnungen und Ängste gab es damals? Und: Was hätte in der Umbruchszeit anders laufen sollen?
Gerade weil keine „Bühne“ existierte, wurden viele Stimmen hörbar: Erinnerungen an neu gewonnene Rede- und Reisefreiheit standen neben Sorgen vor Ungewissheit, Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. In der dritten Runde ging es um die Deutung der Einheit: Einige betonten verpasste Chancen, DDR-Erfahrungen und -Errungenschaften ernsthafter einzubringen; andere erzählten von Aufstieg, Umzug und neuen Möglichkeiten. Am Ende blieb die Runde noch zusammen – ein Zeichen dafür, dass das Format nicht nur Geschichte abfragt, sondern Gesprächsbereitschaft stiftet.
Titelbild: Auf der Terrasse der Homunkulus Figurensammlung kommen die Gäste des Erzählcafés über die Umbruchszeit ins Gespräch, 22. September 2025 (Christian Faludi/GEDG)


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